Pro Infirmis - Navigation

Home » Medien » Monitor "Gesellschaft und Behinderung"

Zu wenig Rücksicht auf Menschen mit Behinderung

Rollstuhlfahrer auf Rampe

Erster Pro Infirmis-Monitor "Gesellschaft und Behinderung"


Wie sieht die Schweizer Bevölkerung die Situation von Menschen mit Behinderung? Unterstützt sie die Gleichberechtigung, die Selbstbestimmung und den Ruf nach umfassender Inklusion und Zugänglichkeit zu Bauten, Verkehrsmitteln und Dienstleistungen? Zu diesen Fragen liess Pro Infirmis erstmals eine repräsentative Befragung der Schweizer Wohnbevölkerung durchführen. Am 16. August wurden die Resultate präsentiert.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung vielen Anliegen von Menschen mit Behinderung befürwortend gegenübersteht. Sie machen aber auch klar, dass es weitere Verbesserungen braucht.
55 % der Befragten denken, dass in der Schweiz zu wenig Rücksicht auf Menschen mit Behinderung genommen wird. Fast die Hälfte findet sogar, Diskriminierung von Menschen mit Behinderung sei ziemlich bis sehr verbreitet. Die stärkste Diskriminierung erfahren nach Einschätzung der Befragten Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung.

Zugänglichkeit muss besser werden

Grundsätzlich hat die Schweizer Wohnbevölkerung eine positive Einstellung zu Verbesserungsmassnahmen zugunsten von Menschen mit Behinderung. Rund die Hälfte findet, dass mehr für die barrierefreie Zugänglichkeit von öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Restaurants, Läden, Banken und Arztpraxen getan werden sollte. Auch für die Zugänglichkeit des öffentlichen Verkehrs und von öffentlichen Einrichtungen wie Ämtern, Behörden oder Schulen möchten über 50 % der Befragten mehr Geld ausgeben.

Selbstbestimmung ja, aber ...

Das Recht auf Selbstbestimmung wird von der Bevölkerung grundsätzlich bejaht. So finden acht von zehn Befragten, behinderte Menschen sollten selber wählen können, ob sie in einer eigenen Wohnung, in einer Wohngruppe oder in einem Heim leben wollen. Auch bei der Wahl einer Ausbildung oder Arbeitsstelle und der Familiengründung wird die Selbstbestimmung von einer grossen Mehrheit anerkannt. Das gilt aber nur für Menschen mit einer körperlichen Einschränkung und einer Seh- oder Hörbehinderung. Bei Menschen mit einer psychischen oder geistigen Behinderung sind weit mehr Bedenken vorhanden. Darin spiegelt sich eine Tendenz, die sich durch alle Ergebnisse hindurchzieht. Die Berührungsängste gegenüber Menschen mit einer psychischen oder geistigen Behinderung sind grösser. So fühlen sich die Befragten im Kontakt mit Personen mit diesen Behinderungsarten auch weniger wohl und halten sich für schlechter informiert.

Kontroverse Meinungen zur inklusiven Schule

Für Pro Infirmis ist die inklusive, gemeinsame Schulung von Kindern mit und ohne Behinderungen ein wichtiges Ziel. Um es zu erreichen, sollten die Rahmenbedingungen in den Schulen entsprechend angepasst und die personellen Ressourcen erhöht werden. In der Studie zeigen sich bei diesem Thema allerdings kontroverse Ergebnisse: Während die Befragten mehrheitlich der Meinung sind, dass Kinder mit Behinderungen das soziale Verhalten der Klassenkameradinnen und -kameraden fördern, denken die meisten, dass Kinder mit einer geistigen Behinderung (z.B. Trisomie 21) oder Verhaltensauffälligkeit (z.B. ADHS) die Lehrpersonen zu stark beanspruchten und die Leistung der Klasse negativ beeinflussten. Über 70 % der Befragten sind der Meinung, Kinder mit geistiger Behinderung würden in Sonderschulen am besten gefördert.

Arbeit am wichtigsten

In den Augen der Befragten ist die Inklusion in die Arbeitswelt die wichtigste Massnahme, um die Situation von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Hier erwarten die Befragten, dass vor allem die öffentlichen Verwaltungen und Grossunternehmen vermehrt Menschen mit Behinderung anstellen. Ein Malus-System für Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigen, lehnt eine Mehrheit ab. Die Befragten sähen lieber ein Bonus-System für Arbeitgeber, die Menschen mit einer Behinderung anstellen.
Über die ganze Studie hinweg manifestiert sich die positive Wirkung persönlicher Kontakte. Personen, die Menschen mit Behinderung in ihrem Bekanntenkreis haben, zeigen weniger Berührungsängste und haben eine positivere Einstellung zu vielen Fragen.

Der erste Monitor „Gesellschaft und Behinderung“ zeigt, dass die Bevölkerung die Situation von Menschen mit Behinderung in der Schweiz in vielen Bereichen als unbefriedigend einschätzt und Verbesserungen befürwortet. Die Resultate bringen aber auch Vorbehalte gegenüber wichtigen Anliegen von Menschen mit Behinderung zu Tage. So äussern viele Befragte Bedenken zur inklusiven Schulung von Kindern mit einer geistigen Behinderung oder Verhaltensauffälligkeit und auch die Selbstbestimmung von Personen mit einer psychischen oder geistigen Beeinträchtigung wird bei weitem nicht von allen gutgeheissen. Um solche Vorbehalte zu überwinden, gilt es sie ernst zu nehmen und in der künftigen Strategie von Pro Infirmis zu berücksichtigen.

Informationen zur Studie

Der erste Monitor „Gesellschaft und Behinderung“ wurde bei einer repräsentativen Zufallsstichprobe der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren durchgeführt. Die Befragung erfolgte vom 21. Januar bis 8. April 2016 in allen drei Sprachregionen schriftlich (online oder Papier). Befragt wurden 3232 Personen. Der statistische Fehlerbereich beträgt +/-1.72%, Differenzen von weniger als 2% sind deshalb als zufällig zu betrachten.
Der Monitor wurde im Auftrag von Pro Infirmis durchgeführt von FORS, dem Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften in Lausanne. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) hat die Erhebung finanziell unterstützt. Der Monitor wird alle fünf Jahre wiederholt.

Kontakt und weitere Auskünfte

lic. phil. Barbara Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Telefon 058 775 20 00, barbara.mueller@STOP-SPAM.proinfirmis.ch

 

Medienmitteilung vom 15.8.2016 (PDF)

Der ausführliche Schlussbericht von FORS kann unter medien@STOP-SPAM.proinfirmis.ch bestellt werden (in Deutsch oder Französisch).

Interessierte Forscherinnen und Forscher können die erhobenen Daten unentgeltlich für weitere Auswertungen nutzen. Sie sind im FORS Datenportal forsbase.unil.ch vollständig dokumentiert verfügbar.

Zusatzinformation

Kantonale Angebote

Sie möchten

Share |
Spendenkonto: 80-22222-8