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Monday 06. November 2017 09:32Alter: 73 days

Was ist ein Wohnheim ohne Betten?

Zürich. – An der dritten Jubiläumsveranstaltung der Pro Infirmis Zürich Wohnschule wurde diskutiert, was es braucht, damit Menschen mit Behinderung selbstständig wohnen können. Was für Betroffene wie auch für Institutionen herausgekommen ist, klingt simpel: Mut, Neues zu wagen.  

Nach einer Party für interessierte Wohnschülerinnen und Wohnschüler im Februar sowie einem grossen Jubiläumsfest am Reggae-Festival Reeds feierte die Pro Infirmis Wohnschule am Donnerstagabend, 2. November, zum dritten Mal ihr 30-jähriges Bestehen. Die Veranstaltung mit Referat und Podiumsdiskussion, gemeinsam organisiert mit der Paulus-Akademie, richtete sich an Fachleute. 150 Interessierte mit ganz unterschiedlichen Hintergründen drängten sich schliesslich in den Saal im Zürcher Volkshaus: „Das Thema selbstständig Wohnen zieht“, sagte Wohnschulleiterin Jeannette Dietziker in ihrer Begrüssung stolz und liess ihr Publikum spüren, dass ihr das Thema am Herzen liegt. 


Die ersten offiziellen Gratulationen an die Wohnschule kamen aus Deutschland. Hauptreferent Dirk Bennewitz begleitet als Sozialarbeiter und selbstständiger Berater in Erfurt Institutionen, die keine Heime mehr sein wollen. Er zeigte auf, was es braucht, damit die Forderung nach dem selbstständigen Wohnen umgesetzt werden kann. Die inzwischen auch politisch laut gewordene Forderung nach Inklusion zwingt Einrichtungen für Menschen mit Behinderung dazu, neue Wege zu gehen. Oder im Fachjargon: Deinstitutionalisierungsprozesse anzustossen. 

Heime haben Nebenwirkungen

Menschen mit Behinderung sollen gemäss Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen. Sie dürfen entscheiden, wo und mit wem sie leben und sind nicht verpflichtet, in besonderen Wohnformen zu leben. Bennewitz strich dazu hervor, dass „Heime Nebenwirkungen haben“ Oder plakativer formuliert: „Einrichtungen funktionieren wie ein DDR-Lebensmittelladen, nach dem Motto, was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“ 

Dass ein Wohnheim auch ohne Betten bestehen kann, ist für Bennewitz klar. Aber nicht ohne dass der Finanzfluss neu gesteuert wird. Nicht Plätze für mehr oder weniger behinderte Menschen sollen finanziert werden, sondern die Erreichung der Ziele, welche mit den einzelnen Klientinnen und Klienten festgehalten werden. Und neben dem richtigen Einsatz von Geld muss die Haltung der Sozialarbeitenden stimmen, was ihnen viel Reflexionsvermögen abverlangt. 

Haltungsarbeit sei deshalb so wichtig, weil er immer wieder beobachte, wie leicht Mitarbeitende der Sozialen Arbeit ihre Vorstellungen von gelungenem Leben auf Klientinnen und Klienten übertragen.

„Ich vereinsame nicht“ 

Joël Hofstetter und Janine Zobrist haben sich ihre eigenen Vorstellungen bewahrt. Beide haben die Pro Infirmis Wohnschule absolviert und sind dieses Jahr in die eigene Wohnung gezogen, wo sie nach dem erfolgreichen Abschluss ohne engere professionelle Begleitung leben werden. „Ich bin glücklich, dass ich diesen Sprung geschafft habe“, führte Joël Hofstetter während der Podiumsdiskussion aus. Sein neuer Wohnort liege nahe an seinem Heimatdorf, wo er regelmässig an Fussballspielen anzutreffen sei. Auch für Janine Zobrist ist die Kontaktpflege wichtig, sie treffe sich gerne mit Kollegen oder gehe ins Kino. Selbstbewusst sagte sie: „Also, ich vereinsame nicht.“ Und damit hatte sie auch den letzten Zweifler im Volkshaus davon überzeugt, dass die selbstständige Lebensführung gut gelingen kann.

Die Expertinnen und Experten auf dem Podium waren sich sowieso einig: „Es kann sinnvoll sein, Experimente zu wagen. Für Institutionen wie auch für Menschen mit Behinderung. Wer einmal alleine in eine Einzimmer-Wohnung zieht, muss nicht sein Leben lang dort bleiben. Vielleicht zieht diese Person irgendwann mit einem Partner zusammen oder sucht wieder Anschluss in einer institutionalisierteren Wohnform. So ist Leben.“

Moderator Santino Güntert entliess am Ende der anregenden Veranstaltung sein Publikum mit folgendem Fazit in den Apéro: “Es ist ganz viel Hoffnung, in diesem Saal, Inklusion endlich anzustossen und vorwärts zu machen.“ 

Bild:  Moderator Santino Güntert im Gespräch mit den Pro Infirmis Wohnschülern Joël Hofstetter und Janine Zobrist


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