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Miteinander und mittendrin

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In der Serie «Miteinander und mittendrin» porträtiert die «Südostschweiz» drei Klienten von Pro Infirmis: sie alle sind Mitglied der Gruppe «Mitsprache Glarnerland», die zeigen will, was es heisst, Inklusion zu leben. An dieser Stelle fassen wir für Sie die Porträts im Überblick zusammen. 

Die Gruppe «Mitsprache Glarnerland» hat ihren Ursprung im «Stellvertreterkurs» von Pro Infirmis Glarus. Den Kurs haben die drei Protagonisten mit grossem Engagement besucht, Fragen nach der Selbstermächtigung wurden nachgegangen: «Wie werde ich vom 'Behinderten' zum 'Mitmenschen', wie kann ich Ausgrenzung überwinden?» Doch damit nicht genug: im neu gegründeten Organisationskomitee (OK) bereiteten die drei Protagonisten die Fotoausstellung «Photovoice» vor, die mit eigenen Fotos und Texten Einblicke in die Gefühlswelt und das Alltagsleben beeinträchtigter Menschen gibt. 2019 fand die Präsentation – diesmal konzipiert als Wanderausstellung –  im Kantonsspital Glarus statt. Ein überwältigender Erfolg, doch Corona verunmöglichte die Weiterführung der Ausstellung. Die Selbstvertreter liessen sich aber nicht entmutigen und gründeten mit gestärktem Selbstbewusstsein die Gruppe «Mitsprache Glarus». Fortan treffen sich die Teilnehmenden wöchentlich, um weitere inklusive Projekte auszuarbeiten und Möglichkeiten zu finden, ihre Anliegen nach aussen zu tragen – wir sind gespannt!

Christian Brühlhart

Ein langjähriges Mitglied der Gruppe ist Christian B. Christian  ist technikbegeistert und seit jeher Radiofan. In Zukunft möchte er das Medium für die Mitsprache beeinträchtiger Menschen im Glarnerland einsetzen. Im Berufsleben geriet Chrisian jedoch immer wieder in Nöte. Obschon er die Sekunderschule und die Lehrstelle mit guten Noten abschloss, war sein Berufsweg von vielen Kündigungen überschattet. Er sei zu verträumt und verzettle sich andauernd in Details, hiess es. Nach längerer Phase der Arbeitslosigkeit wird er an das IV zur Abklärung überwiesen. Erstmals bekommt sein Leiden einen Namen: Es wird bei Christian ein ADS-Syndrom festgestellt. Später folgt die Diagnose Asperger-Syndrom. Mit dieser Diagnose findet er eine Anstellung im zweiten Arbeitmarkt, bei der Firma Espas in Zürich, die den technikbegabten Mann fördert und ermutigt in der IT-Branche zu bewerben. Tatsächlich findet er zwischenzeitlich eine Anstellung bei Swissonline (heute UPC). Nach einer weiteren Kündigung und einem weiteren Antrag bei der IV zieht sich Christian ins Glarnerland zurück, zumal er hier das Elternhaus übernehmen kann, was ihm sehr gefällt. 

Was ihm einen enormen Schub gegeben habe, sei der Stellvertreterkurs von Pro Infirmis. Insbesondere die persönlichen Bildungsmassnahmen und die Projektarbeit. In Schulen stellte er gemeinsam mit anderen die physischen und psychischen Askepte verschiedener Beeinträchtigungen vor. 2019 folgte das Ausstellungsprojekt «Photovoice», das ihn  in seinem Selbstbild bestärkte, auch mit Beeinträchtigung ein wertvolles Mitglied einer inklusiven Gesellschaft zu sein.  Sein neuestes Projekt: Christian möchte den Inklusionsgedanken via Radio verbreiten, zum Beispiel Gespräche mit Betroffenen senden, offizielle Beschlüsse bekannt machen. Christian ist nicht nur technikaffin, dahinter steckt auch eine politische Motivation.  «Es ist mir nicht egal, wie unsere Zukunft aussieht, ich möchte mich einbringen», sagt Christian. Besonders grosse Freude bereitet ihm als Mitglied des Bürgerkomitees der physische Austausch mit anderen Mitgliedern, besonders nach Corona».  «Ich hoffe sehr, die Inklusion weiterhin vermehrt physisch zu erleben», meint Christian.

Michael Stierlin

Einer der Pioniere des Projekts ist Michael Stierlin. Schon 2015 war er an der ersten Fotoausstellung und anschliessenden Podiumsdiskussion beteiligt. Michael ist heute angekommen bei sich selbst, wie er sagt. Das war nicht immer so. Der Weg von Michael war steinig und er hatte viele Schicksalsschläge zu überwinden. Bei der Geburt hinterliess ein kurzzeitiger Stopp der Sauerstoffzufuhr Spuren im Gehirn: in der Schule war er überfordert, er konnte nicht mithalten mit dem Lerntempo. 1992 erlitt er dazu einen schweren Unfall. Doch Michael ist ein Kämpfer. Nach der Ausbildung in der Stiftung Bühl und einer Anlehre als Schreiner, fand er eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt, bei einer Schreinerei, bei der noch heute zu 80% angestellt ist. 

Trotzdem haderte Michael mit sich selbst. In jungen Jahren verlor Michael seine Mutter durch Suizid, ein Erlebnis, das ihn nachhaltig traumatisierte. Er fing an zu trinken und Beziehungen zu seinen Nächsten gingen in die Brüche. Erst nach dem Entzug im Spital und der Aufarbeitung der Traumata in der die psychiatrischen Klinik fängt sich Michael wieder auf. Michael ist stolz die Alkoholsucht überwunden zu haben und den Kontakt zu seinen Geschwistern wiederhergestellt zu haben. Der wöchentliche Einsatz der Putzhilfen gibt ihm Stabilität und eine Beiständin hilft ihm bei der Administration. Prägend waren aber vor allem seine Erfahrungen im Stellvertreterkurs von Pro Infirmis: Michael betont, wie wichtig der Kurs für sein Selbstbild und das neu gewonnenene Selbstbewusstsein war. Michael findet nun Freude am öffentlichen Auftritt und will mehr Verantwortung übernehmen, nicht zutetzt in der Gruppe «Mitsprache Glarnerland».

Lesen Sie die ganze Reportage von Sabine Tschudi im Abo auf:

"Eine weite Reise zu sich selber", Südostschweiz vom 21.5.21

Özgür Babayigit

Ein weiteres Mitglied der Gruppe ist Özgür Babayigit, der 1987 in Glarus geboren und auch dort aufgewachsen ist. In der Primarschule zeigte sich, dass er in einigen Fächern mehr Mühe hat als andere – vor allem in der Mathematik. Seine Schulzeit beendete er in der Stiftung Bühl. Es folgte eine Anlehre als Industriemonteur, ein Job in einer Werkstatt und später in einer Putzequipe. Doch Özgür fühlt sich zunehmend unwohl – und nach einiger Zeit erleidet er einen psychischen Zusammenbruch.

Der Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung des Kantonsspitals Glarus mit diversen Therapien ist für ihn eine Auszeit, wie er selbst sagt. Özgür beginnt, seinem Leben eine neue Ausrichtung zu geben. Er stellt fest, dass ihm beim rein mechanischen Machen der künstlerische Aspekt, die Seele, gefehlt habe. Es folgt ein Job in einem Malatelier, heute malt er Bilder.

Im Selbstvertreter-Kurs von Pro Infirmis habe er gelernt, dass seine Bedürfnisse in Ordnung seien, auch wenn sie nicht den herkömmlichen Normen entsprächen. Im Rahmen durch die Ausstellung «Photovoice» bündelte er seine Bilder zu einem Sketchbook, das über das Leben eines Menschen mit Beeinträchtigung erzählt. Diese Perspektive möchte er mit der Gruppe «Mitsprache Glarnerland» einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Lesen Sie die ganze Reportage von Sabine Tschudi im Abo auf:

"Wie Özgür Babayigit mitreden kann", Südostschweiz vom 28.6.21

Nächstes Porträt folgt am 17.8

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