IV-Taggeld

Die Invalidenversicherung bezahlt während Abklärungs- und Eingliederungsmassnahmen ein Taggeld und deckt damit (zum grossen Teil) den Erwerbsausfall, der als Folge solcher Massnahmen entsteht: Dank des IV-Taggelds wird der Lebensunterhalt der behinderten Person und ihrer Familienangehörigen während solcher Massnahmen sichergestellt. Solange ein Taggeldanspruch besteht, entsteht noch kein Anspruch auf eine Rente. Das entspricht auch dem in der IV geltenden generellen Grundsatz „Eingliederung vor Rente“.  

In diesem Kapitel wird näher aufgezeigt, bei welchen Abklärungs- und Eingliederungsmassnahmen Anspruch auf ein IV-Taggeld besteht, unter welchen Voraussetzungen ein Taggeld bezahlt wird und wie die Höhe des IV-Taggelds berechnet wird.


    Wann wird ein IV-Taggeld bezahlt?

    Folgende Abklärungs- und Eingliederungsmassnahmen berechtigen zur Ausrichtung eines IV-Taggeldes:

    • Abklärungsmassnahmen in einem Spital, einer MEDAS oder einer beruflichen Eingliederungsstätte
    • Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung
    • erstmalige berufliche Ausbildungen
    • Umschulungen
    • Arbeitsversuche
    • medizinische Massnahmen bis zum vollendeten 20. Altersjahr
    • Gebrauchstraining bei von der IV abgegebenen Hilfsmitteln  

    Während Abklärungsmassnahmen wird ein IV-Taggeld bezahlt, wenn diese an mindestens zwei aufeinanderfolgenden Tagen durchgeführt werden.

    Während Eingliederungsmassnahmen besteht Anspruch auf ein IV-Taggeld, wenn die behinderte Person

    • wegen der Massnahme an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen vollständig verhindert ist, einer Arbeit nachzugehen. Der Anspruch besteht hier für die Eingliederungstage (und die dazwischen liegenden Samstage und Sonntage).
    • während einer mindestens drei aufeinanderfolgende Tage dauernden Massnahme in ihrer bisherigen Tätigkeit zu mindestens 50% arbeitsunfähig ist. Der Anspruch besteht hier für die Eingliederungstage und die dazwischen liegenden Tage.

    Beispiel

    Frau B ist 19 Jahre alt und leidet an einem Herzfehler, der von der IV als Geburtsgebrechen anerkannt worden ist. Während einer notwendigen Operation (medizinische Massnahme) erhält sie von der IV ein Taggeld.  
    Aufgrund der langen Rekonvaleszenz und der Nachbehandlungen muss Frau B ihre Ausbildung für längere Zeit unterbrechen. Da sie in dieser Zeit keinen Lehrlingslohn erhält und somit einen Erwerbsausfall erleidet, richtet die IV auch während dieser Zeit ein Taggeld aus.

    Der Anspruch auf ein IV-Taggeld beginnt frühestens mit dem Beginn der Abklärung oder Eingliederung und erlischt spätestens mit dem Abschluss der Massnahme. Muss eine Eingliederungsmassnahme aus gesundheitlichen Gründen unterbrochen werden, so wird das Taggeld für eine beschränkte Zeit weiter bezahlt (je nach Dauer der Eingliederung während längstens 30, 60 oder 90 Tagen).

    Wer erhält ein IV-Taggeld?

    Anspruch auf ein IV-Taggeld besteht frühestens nach Vollendung des 18. Altersjahrs. Personen, die in einer erstmaligen beruflichen Ausbildung stehen und Personen, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht erwerbstätig gewesen sind, erhalten ein sogenanntes „kleines Taggeld“ (vgl. hierzu weiter unten).

    Ein IV-Taggeld erhält grundsätzlich nur, wer als erwerbstätig gilt: Diese Voraussetzung gilt als erfüllt, wenn eine Person unmittelbar vor ihrer Arbeitsunfähigkeit ein AHV-pflichtiges Erwerbseinkommen erzielt hat oder wenn sie glaubhaft machen kann, dass sie nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit eine Erwerbstätigkeit von längerer Dauer aufgenommen hätte. Wer bei Eintritt einer Arbeitsunfähigkeit Arbeitslosentaggelder bezieht oder wer die Erwerbstätigkeit bereits früher aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, gilt ebenfalls als erwerbstätig.  

    Personen, die in der erstmaligen beruflichen Ausbildung stehen und solche, die noch vor Vollendung des 20. Altersjahrs ganz oder teilweise arbeitsunfähig geworden sind, werden den erwerbstätigen Personen gleichgestellt.  

    Alle anderen Personen gelten als nicht erwerbstätig und haben keinen Anspruch auf ein IV-Taggeld. Hingegen besteht allenfalls Anspruch auf eine Entschädigung für die wegen einer Eingliederungsmassnahme anfallenden zusätzlichen Kosten für die Betreuung von Kindern oder Familienangehörigen.

    Beispiel

    Herr A ist Karosseriespengler und hat seine Anstellung aus persönlichen Gründen aufgelöst. Danach findet er leider keine Anstellung mehr, wird bei der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert und bezieht in der Folge Sozialhilfe. Er erleidet nun einen schweren Autounfall und ist hernach querschnittgelähmt. Herr A meldet sich bei der IV an und diese finanziert ihm eine Umschulung zum Sozialarbeiter. Da Herr A vor dem Unfall von der Sozialhilfe unterstützt worden ist, gilt er als nicht erwerbstätig. Während der Umschulung erhält er somit kein IV-Taggeld. Er kann höchstens eine Entschädigung für die aufgrund der Umschulung allenfalls anfallenden Kinderbetreuungskosten verlangen.

    Hätte Herr A unmittelbar vor dem Unfall noch Arbeitslosentaggelder bezogen, oder hätte er seine Anstellung als Karosseriespengler aufgrund des Unfalls aufgeben müssen, hätte ihm die IV während seiner Umschulung ein IV-Taggeld bezahlt.

    IV-Taggeld auch während der Wartezeiten?

    Wer aus Gründen, die nicht in der eigenen Person liegen, auf den Beginn einer erstmaligen beruflichen Ausbildung oder einer Umschulung warten muss und in der bisherigen Tätigkeit zu mindestens 50% arbeitsunfähig ist, erhält ein Wartezeittaggeld. Der Anspruch auf ein solches Taggeld beginnt, sobald die IV feststellt, dass eine erstmalige berufliche Ausbildung oder eine Umschulung angezeigt ist und deshalb weitere Vorkehren anordnet (z.B. Suche eines geeigneten Umschulungsplatzes). Solange aber ein ganzes Taggeld der Arbeitslosenversicherung, ein Taggeld oder eine Rente der Militärversicherung, eine IV-Rente, eine Entschädigung der Erwerbsersatzordnung oder ein Taggeld der Unfallversicherung während einer Heilbehandlung im Sinne des Unfallversicherungsgesetzes ausbezahlt wird, richtet die IV kein Wartezeittaggeld aus.

    Anspruch auf ein Wartezeittaggeld (von maximal 60 Tagen) hat zudem, wer im Anschluss an eine erstmalige berufliche Ausbildung oder an eine Umschulung von der IV Arbeitsvermittlung erhält und noch keine Stelle gefunden hat. Dieser Anspruch besteht jedoch nur, wenn kein Anspruch auf ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung besteht.

    Beispiel

    Frau M erkrankt an Multipler Sklerose und muss ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin aufgeben. Die IV erachtet eine Umschulung zur kaufmännischen Angestellten als angezeigt. Bis zum Beginn des entsprechenden Lehrgangs dauert es aber noch 5 Monate. Die IV bezahlt Frau M während diesen 5 Monaten ein Wartezeittaggeld.
    Nach Abschluss der Umschulung, während der Frau M ein normales IV-Taggeld bezogen hat, unterstützt die IV Frau M noch im Sinne einer Arbeitsvermittlung. Weil Frau M nun aber Anspruch auf ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung hat, kann sie kein IV-Wartezeittaggeld mehr beziehen.

    Wie wird das IV-Taggeld bemessen?

    Das Taggeld besteht aus einer Grundentschädigung und einem zusätzlichen Kindergeld. Zusammen dürfen Grundentschädigung und Kindergeld zurzeit den Betrag von 407 Franken pro Tag nicht übersteigen.

    Die Grundentschädigung entspricht 80% des Erwerbseinkommens, das die behinderte Person in ihrer letzten beruflichen Tätigkeit vor Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung verdient hat, zurzeit maximal aber 326 Franken. 

    Ein Kindergeld erhält eine Person für jedes Kind und Pflegekind bis zum 18. Altersjahr oder bis zum Abschluss der Ausbildung (längstens jedoch bis zum 25. Altersjahr). Ein Kindergeld wird jedoch nur bezahlt, wenn für das Kind nicht bereits eine erwerbstätige Person Familienzulagen erhält. Das Kindergeld beträgt zurzeit 9 Franken pro Tag pro Kind.  

    Wenn eine Person während der Eingliederung eine Erwerbstätigkeit ausübt und das Einkommen aus dieser Tätigkeit zusammen mit dem Taggeld höher ist als das vor Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung erzielte Einkommen, wird das Taggeld wegen Überentschädigung gekürzt.  

    Kommt die IV während der Eingliederungsmassnahme für Verpflegung und Unterkunft auf, werden vom Taggeld 20%, maximal aber 20 Franken, abgezogen. Bei Personen mit Unterhaltspflichten gegenüber Kindern beträgt der Abzug nur 10%, maximal aber 10 Franken.

    Beispiel

    Herr K ist Aussendienstmitarbeiter in einer grösseren Firma, als er psychisch erkrankt. Aus gesundheitlichen Gründen kann er nun nicht mehr im Aussendienst arbeiten. Die IV gewährt ihm eine Umschulung auf eine Tätigkeit in der Buchhaltung. Diese Umschulung kann in der gleichen Firma durchgeführt werden. Als Aussendienstmitarbeiter verdiente Herr K 60‘000 Franken pro Jahr. Während der Umschulung erhält er ein Jahreseinkommen von 40‘000 Franken. Die Grundentschädigung beträgt 132 Franken pro Tag (80% × 60‘000 Franken ÷ 365). Weil diese Grundentschädigung zusammen mit dem während der Umschulung bezogenem Verdienst (40'000 Franken pro Jahr bzw. 110 Franken pro Tag) zu einer Überentschädigung führen würde, wird sie auf 54 Franken pro Tag gekürzt. Zusammen erhält Herr K gleich viel, wie er als Aussendienstmitarbeiter bezogen hat, nämlich 164 Franken pro Tag bzw. 60'000 Franken pro Jahr.

    Sonderfall „Kleines Taggeld“

    Personen in erstmaliger beruflicher Ausbildung sowie unter 20-Jährige, die noch nie erwerbstätig waren, erhalten das sogenannte „kleine Taggeld“. Vorausgesetzt ist aber auch hier, dass sie eine invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse erleiden. Diese liegt immer dann vor, wenn die behinderte Person im Vergleich zu einer nichtbehinderten Person mit dem gleichen Berufsziel

    • einen behinderungsbedingt reduzierten (oder gar keinen) Ausbildungslohn erhält;
    • die Ausbildung behinderungsbedingt verzögert antreten muss;
    • die Ausbildung behinderungsbedingt verlängern muss;
    • oder die Ausbildung behinderungsbedingt infolge Durchführung einer medizinischen Eingliederungsmassnahme zwischen dem 18. und dem 20. Altersjahr unterbrechen muss.

    Das kleine Taggeld beträgt jeweils 10% des Höchstbetrages des grossen Taggeldes. Da sich dieser Höchstbetrag zurzeit auf 407 Franken beläuft, beträgt das kleine Taggeld 40.70 Franken pro Tag
    Bei Personen, die aus gesundheitlichen Gründen ihre erstmalige berufliche Ausbildung abbrechen und eine neue beginnen mussten, erhöht sich das Taggeld auf einen Dreissigstel des während der abgebrochenen Ausbildung zuletzt erzielten Monatseinkommens.  

    Wenn Anspruch auf ein Kindergeld besteht, erhöht sich auch das kleine Taggeld um das Kindergeld (9 Franken pro Tag pro Kind).

    Vom kleinen Taggeld werden wiederum folgende Beträge abgezogen:

    • ein Dreissigstel des während der Ausbildung erzielten monatlichen Erwerbseinkommens,
    • 20% des kleinen Taggelds, maximal aber 20 Franken, wenn die IV für die Verpflegung aufkommt (bei Personen mit Unterhaltspflicht gegenüber Kindern beträgt der Abzug 10% des kleinen Taggelds, maximal aber 10 Franken).

    Beispiel

    Der 18-jährige Herr S ist körperbehindert, macht eine Anlehre in einer geschützten Werkstatt und erhält dabei keinen Lehrlingslohn. Unter der Woche wohnt er auf Kosten der IV im dazugehörenden Wohnhaus, das Wochenende verbringt er zu Hause bei seinen Eltern. Sein Taggeld bemisst sich wie folgt: Von Montag bis Freitag erhält er ein Taggeld von je 32.50 Franken pro Tag (80% von 40.70 Franken), am Samstag und Sonntag erhält er je 40.70 Franken pro Tag.

    Wer in erstmaliger beruflicher Ausbildung steht und diese Ausbildung ohne gesundheitliche Beeinträchtigung bereits abgeschlossen hätte und im Erwerbsleben stünde, erhält ein Taggeld in der Höhe von 30% des Höchstbetrages des grossen Taggeldes und somit von 122.10 Franken pro Tag.

    Beispiel

    Die 19-jährige Frau T musste ihre Verkaufslehre aufgrund einer depressiven Episode im 2. Lehrjahr für rund 1 Jahr unterbrechen. Im 3. Lehrjahr beträgt ihr Lehrlingslohn 1‘200 Franken. Da Frau T heute ohne Gesundheitsschaden bereits im Erwerbsleben stehen würde, beträgt ihr Taggeld 82.10 Franken pro Tag (122.10 Franken abzüglich 1/30 von 1‘200 Franken).

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